Ibrahim Kaypakkaya
Die 68er Bewegung öffnete neue Horizonte ...
Ibrahim Kaypakkaya und die revolutionäre Bewegung Anfang der 70er
Jahre...
I.
Es
ist das Jahr 1968...
Eine neue Generation nimmt den Kampf auf
Das ist eine Generation, die in den Kontinenten Amerika, Europa,
Asien und Afrika den imperialistischen Räubern das Fürchten lehrte.
Eine junge und militante Bewegung...
Jung und wegweisend...
Jung und lernbegierig...
Jung und die Keime des Kampfes um die Zukunft auf eine feste
Grundlage zu errichten in sich tragend. Eine Bewegung, die die Kraft
besitzt das Heute ins Morgen zu verändern....
Nicht nur eine Bewegung, die sich gegen Ungerechtigkeit,
Ausbeutung und ungerechte Kriege wendet, die sich nicht auf "revolutionär"
sein beschränkt, sondern die die Keime für eine neue Entwicklung
einer kommunistisch revolutionären Welle in sich trug.
Und die 68er Generation hat sich radikal gegen den Verrat und den
Pazifismus des modernen Revisionismus Chruschtschower Prägung
gestellt.
Eines der Länder in dem diese Generation tiefe Spuren hinterließ
ist Nordkurdistan/Türkei. Auch dieser Teil der Welt wurde zur Bühne
für einen neuen revolutionären und kommunistischen Aufschwung.
Auch wenn die Bewegung noch sehr jung und unerfahren war, hat sie
rasant eine sich schnell und einflußreich entwickelnde neue Periode
eröffnet.
Die Zeit war kurz, aber die Kämpfe radikal und durchschlagend...
Die Zeit war kurz bis zu der 12. März Junta von 1971. Die
Erfahrungen daraus aber waren sehr groß...
Wir sprechen von der 68er Generation, die Deniz, Mahir und Ibrahim
hervorbrachten,.
Wir reden von den Führern einer Generation, die 50 Jahre nach der
TKP von Mustafa Suphi erneut eine Seite der Revolution und des
Sozialismus aufschlugen!
Sie sind ermordet worden, aber es konnte nicht verhindert werden,
daß eine neue Seite aufgeschlagen wurde... Sie haben sie erschossen,
erhängt, unter der Folter ermordet, in die Kerker gesperrt, aber sie
konnten diese neue aufgeschlagene Seite der Geschichte nicht
vernichten
Der Kampf derer, die "im Hinterhalt schlafend" ermordet wurden,
trieb Zweige und Äste aus und entwickelte sich.
*
Unter den Führern, der 68er Generation, die wir verloren haben,
und an die wir uns anläßlich des 18. Mai erinnern, gibt es einen,
der ganz besonders war: Ibrahim Kaypakkaya.
Er ist geformt worden durch die Praxis des glühenden Klassenkamp-fes.
Heute werden wir über ihn berichten und gemeinsam ihm gedenken.
Ibrahim... Ibrahim Kaypakkaya!
Er war nicht nur ein Revolutionär, er war vor allem ein Kommunist.
Er war der Architekt des Beginns, stand an der Spitze in den
stürmischen Jahren. Jeder Kommunist ist gleichzeitig auch
Revolutionär. Aber, nicht jeder Revolutionär ist auch Kommunist.
Es reicht nicht aus als Revolutionär mit dem Kommunismus zu
sympathisieren, zu sagen, daß man sich auf ihn beruft, oder sein
Leben dafür zu geben.
Kommunist sein bedeutet den wissenschaftlichen Sozialismus zu
begreifen, und in der Praxis anzuwenden. Gegen jeden Revisionismus-Opportunismus
den Marxismus-Leninismus zu verteidigen. Sich selbst von allen dem
Marxismus-Leninismus feindlichen Ideologien abzugrenzen. Die
kleinbürgerlichen und bürgerlichen Linien, entsprechen selbst, wenn
sie erklären marxistisch-leninistisch zu sein, nicht wirklich der
proletarischen Ideologie.
Die Ideologie des Proletariats zu verteidigen ist kein
Lippenbekenntnis, sondern eine dem entsprechende Praxis. Um sie
wirklich verteidigen zu können, ist eine marxistisch-leninistische
Linie, in der Verbindung von Theorie und Praxis notwendig.
Genosse Ibrahim Kaypakkaya, der aus der 68er Generation kam, hat
diese Notwendigkeit begriffen. Das hat ihn von den anderen
revolutionären Führern dieser Generation qualitativ unterschieden.
Während die Deniz, Mahir's als heldenhafte Revo-lutionäre dieser
Periode ihren Stempel aufdrückten, hißte Ibrahim die Fahne des
Kommunis-mus... Er organisierte in Nordkurdistan/Türkei für den
Kommunismus die ArbeiterInnen, Werktä-tigen und armen Bauern.
Die Deniz, Mahir's und weitere ungezählte FührerIn-nen und
KämpferInnen der revolutionären Front leben natürlich auch in
unseren Gedanken weiter. Wir werden sie im Revoluti-onskampf nicht
vergessen. Aber das bedeutet nicht, daß sie mit Ibrahim Kaypakkaya
gleichgesetzt werden können. Es gibt heute welche, die das im Namen
des Gedenkens an die Heldentoten der Revolution machen, und sich
auch noch selbst Kommunist nennen!
Die Kommunisten gedenken nicht der Revolutionäre, indem sie deren
unterschiedlichen Standpunkte verheimlichen, sondern sie vor den
Massen darlegen.
Geben wir einige Beispiele, die den qualitativen Unterschied
zwischen Ibrahim und den anderen revolutionären Führern darlegen:
Während Deniz Gezmiş in seiner Verteidigungsrede vor Gericht
sagte: "Wir sind diejenigen in dieser Gesellschaft, die Mustafa
Kemal wirklich verteidigen... nur wir führen seinen
Unabhängigkeitskrieg, sein Ideal von der Gesamttürkei fort." stellte
Genosse Ibrahim fest : "Die kemalistische Diktatur, ist in Worten
Demokratie, in Wirklichkeit eine faschistische Diktatur."
Mahir Çayan vertrat: "Der Kemalismus, das kleinbürgerliche
Revolutionäre, ist in einem besetzten Land -der Türkei- eine Fahne
des Aufstandes gegen den Imperialismus. Bis heute hat der nationale
Unabhän-gigkeitscharakter den Kemalismus aufrechterhalten, ihm Leben
gegeben. Wenn man den antiimperialistischen Charakter des Kemalismus
beiseite läßt, bleibt vom Kemalismus nichts mehr übrig." Genosse
Ibrahim Kaypakkaya stellte hingegen richtig fest: daß
* "die kemalistische Bewegung sich im Wesen gegen die Arbeiter und
Bauern, gegen die Möglichkeit einer Agrarrevolution entwickelte."
daß
* "die kemalistische Macht in den Jahren nach dem Befreiungskrieg
zum Hauptfeind der Revolution" wurde.
Nur diese Trennungspunkte reichen aus, um zu zeigen, daß Genosse
Ibrahim einen Wendepunkt verkörperte!
Aber nicht nur das! Es gibt noch eine Reihe grundlegender Fragen,
die Ibrahim zum Kommunisten machen:
* Während die anderen revolutionären Führer entweder überhaupt
nicht von einer Vorhutorganisation, die für die Revolution notwendig
ist, redeten, oder die Prinzipien der leninistischen Partei nicht
verteidigten, sondern die Focus Theorie von der
Partei/Front/Organisation/Bewegung, die besagte "in unserem Land ist
die Lehre der Partei nicht gültig", legte Genosse Ibrahim richtig
dar, warum eine leninistische Partei notwendig ist.
Zweifelsfrei können diejenigen, die die Notwendigkeit einer
Kommunistischen Partei nicht verteidigen trotzdem Revolutionäre
sein. Aber kommunistisch sind sie nicht. Selbst das radikalste
Revolutionärsein eines nichtkommunistischen Revolutionärs, kann
einen kleinbürgerlichen Horizont nicht überschreiten.
Ibrahim hat von Beginn an bewußt die Notwendigkeit einer
kommunistischen Partei verteidigt. Er hat die Gründung der Partei
vollzogen, sie eindeutig als Kommunistische Partei bezeichnet, und
klar dargelegt, daß sie das Werk der revolutionären Massen ist, und
daß die Organisation, die unter der Führung der Arbeiterklasse die
Massen leitet, nicht irgendeine revolutionäre Organisation sein
kann, sondern nur eine kommunistische Parteiorganisation.
Er hat verteidigt, daß diese Organisation nicht irgendeine
Organisation des "Volkes", sondern die Vorhutsorganisation, der
Generalstab des Proletariats ist.
* Er hat im Gegensatz zu den anderen revolutionären Führern sich
gegen die Sowjetunion, die sich vom Revisionismus hin zum
Sozialimperialismus entwickelte, und den "Ostblock" gestellt, und
auf der Seite des marxistisch-leninistischen Lagers unter der
Führung der Kommunistischen Partei Chinas Stellung bezogen. Somit
hat er sich von den kleinbürgerlichen revolutionären Strömungen
abgegrenzt.
* In einer Situation, in der von der Existenz der Kurden noch
nicht einmal geredet wurde, in der die anderen revolutionären Führer
sich damit begnügten die Begriffe 'kurdisches Volk, 'türkisches
Volk' zu benutzen; zu einer Zeit als die kurdische nationale
Bewegung noch nicht entstanden war, hat er die Prinzipien des
Marxismus-Leninismus zur nationalen Frage zum Ausgangspunkt
genommen, diese sich angeeignet und meisterhaft auf die Lage in
Nordkurdistan/Türkei angewandt. Er hat das Recht der Nationen auf
Selbstbestimmung, d.h. das Recht auf Lostrennung und Gründung eines
eigenen Staates verteidigt, und somit eine klare Trennungslinie zu
den anderen gezogen.
* Er hat zu einer Zeit, als mit der Losung "Armee und Jugend: Hand
in Hand" die Hoffnung auf eine der wichtigsten Institutionen des
Staates, die Armee gesetzt wurde, als die Perspektive Revolution
beiseitegeschoben, und anstelle dessen bürgerlicher Parlamentarismus
trat, folgende grundlegenden Ideen verteidigt:
" Märchen von den 'dringenden Tagesforderungen' zu erzählen ist
reaktionärer Betrug Es ist wie wenn man zu den Sklaven, die die
Schlechtigkeit des Systems der Sklaverei begriffen haben, und
aufgestanden sind es zu stürzen sagt 'Eure Lebensbedingungen müssen
verbessert werden!' Ein bewußter Arbeiter wird solche Betrüger
zurückstoßen und sagen 'mach Platz geh mir aus dem Weg'.
... Der Kampf um die Tagesforderungen muß immer sekundär sein, er
darf nicht an die Stelle von revolutionären Forderungen treten."
Hiermit hat Ibrahim Kaypakkaya das Wesen das den Revolutionär vom
Reformisten trennt klar benannt.
Er hat die These verfochten, daß die existierende politische
Staatsmacht durch die gewaltsame Revolution unter Führung des
Proletariats gestürzt werden muß, und nur die ununterbrochene
Ausrichtung auf den Sozialismus hin die Befreiung bringen kann. Er
zeigte auf, daß alle anderen Forderungen dieser untergeordnet werden
müssen. Somit bewies er, daß er wirklich ein Revolutionär war.
* In den Folterkammern hat er mit seinem Widerstand 'sein Leben,
aber kein Geheimnis preiszugeben' und der Direktive "werft alle, die
aussagen aus unseren Reihen", eine Haltung bezogen, die jedem/r
KommunistIn Vorbild ist. Unter den schwierigsten Bedingungen hat er
jedem gezeigt, daß er ein großer kommunistischer Führer ist. Alle,
die die vorbildliche Haltung des Genossen Ibrahims unter der Folter
in Worten verteidigen, aber in der Praxis nicht durchführen, können
nicht wirklich Ibrahim verteidigen!
* Der Genosse Ibrahim hat in der internationalen
Auseinandersetzung im Kampf gegen die modernen Revisionisten sich
auf der Seite der Marxisten-Leninisten eingereiht. Dabei hat er
einige ihrer Fehler unter der Führung der Kommunistischen Partei
Chinas nicht gesehen. Er hat in der Frage welchen Weg die Revolution
verfolgen wird, und bezüglich der sozioökonomischen Struktur einige
falsche Schlußfolgerungen gezogen, und Fehler bei der Anwendung
dieser Linie auf die konkrete Situation in Nordkurdistan/Türkei
gemacht. Diese Fehler sind gleichzeitig die Fehler in der
allgemeinen Linie der damaligen marxistisch-leninistischen Bewegung.
*
Es ist so wie auch Genosse Stalin sagt, "nur Tote machen keine
Fehler"! Es ist verständlich, daß auch der kommunistische Führer
Ibrahim Kaypakkaya in der Zeit in der er lebte und kämpfte Fehler
machte.
Für uns heißt Ibrahim Kaypakkaya zu verteidigen nicht, ihn als
fehlerlos hinzustellen, bzw. zu versuchen seine Fehler zu
vertuschen.
Für uns heißt Ibrahim zu verteidigen nicht, an seinen Fehlern
festzuhalten und sie zu "entwickeln".
Für uns heißt Ibrahim zu verteidigen nicht, seine
marxistisch-leninistische Linie zu einer revisionistischen
umzuwandeln.
Obgleich dargelegt wurde wie Ibrahim kommunistisch verteidigt
werden muß, verschließen immer noch einige Kreise, die von sich
behaupten Ibrahim zu verteidigen, davor die Augen und Ohren, und
halten weiterhin an seinen Fehlern fest.
Unter ihnen gibt es auch solche, die seine Fehler zu einer Linie
weiterentwickelten, und diese ausbauen. Anstelle die Verdienste
Ibrahims zu verteidigen und zu entwickeln, betreiben sie
Leichenflederei, und bleiben auf der Stelle stehen. Sie haben kein
Recht Ibrahim Kaypakkaya zu verteidigen.
Ibrahim zu verteidigen heißt sein marxistisch-leninistisches
Fundament zu verteidigen, und seine Fehler durch eine
marxistisch-leninistische Selbstkritik zu überwinden.
*
Der Genosse Ibrahim Kaypakkaya hat, obgleich er sehr jung war,
und nur ein kurzes Leben hatte, mit seinen Ansichten und seiner
Praxis nicht nur für die Revolution in Nordkurdistan/Türkei, sondern
international sich als ein fähiger kommunistischer Führer erwiesen.
So wie zu dieser Zeit Caru Mazumdar, der kommunistische Führer der
Arbeiterklasse in Indien, international als ein Vorbild akzeptiert
wird, ist es auch bei Ibrahim. Sie waren beispielhafte wichtige neue
und junge kommunistische Führer, die weltweit zur Vorhut einer neuen
kommunistischen Generation wurden.
Ibo hat zu einer Zeit, als die Bewunderung für den Kemalismus gang
und gebe war, sich selbst entwickelt, und einen radikalen Bruch mit
dem Kemalismus durchgeführt, und in einer kurzen Zeit von drei
Jahren eine außergewöhnliche Entwicklung durchlaufen und
marxistisch-leninistische Positionen erarbeitet. Er hat es geschafft
die Grundlagen für die Partei zu schaffen, und in einer
komplizierten ideologischen Periode gegen den Revisionismus und
Reformismus eine richtige Linie zu entwickeln.
Genosse Ibrahim mußte und konnte noch viel erreichen. Er war ein
kommunistischer Führer, den es nur selten gibt, und der darum wie
ein Augapfel gehütet werden mußte! Leider konnte er von der
Partei/Organisation nicht wie nötig gehütet werden, es wurde nicht
die notwendige Wachsamkeit gezeigt. Genosse Ibrahim Kaypakkaya haben
wir sehr früh verloren.
Ibrahim lebt nicht mehr unter uns, aber die von ihm uns
hinterlassenen Werke leben in uns, in unserer Linie und unserem
Kampf!
*
"Immer werden welche für
die Revolution sterben
... sie gehen... gehen dahin, was sind nicht schon für Helden
dahingegangen.
Wenn auch du einen Sohn darunter hast, ist es nicht viel.
Ey blauer Himmel! Ey dunkel glänzender Ort! Du sollst wissen,
unser Herz ist dem Zerspringen nahe.
Durch Hammer und Amboß sind wir gegangen
unser Zorn wächst wie das unendliche Meer".
(Ibrahim Kaypakkaya)
II.
Wer war der Kommunist
Ibrahim Kaypakkaya?
Ibrahim wurde 1949 in dem Dorf Karakaya von Çorum als Kind einer
werktätigen Familie türkischer Nationalität geboren. Sein Vater
versuchte den Lebensunterhalt durch Arbeit auf dem Bau zu verdienen.
Ibrahim Kaypakkaya besuchte in dem Dorf Karamahmut die 1. und 2.
Schulklasse, in dem Dorf Ortakişla die 3. Klasse und in Alaçaköy die
4. und 5. Klasse.
Schon in der Grundschule war er ein sehr erfolgreicher Schüler.
Nach Beendigung der Grundschule machte er die Aufnahmeprüfung der
Ankara Hasanoğlan Lehrerschule, die er auch bestand. Die Familie
wünschte sich sehr, daß Ibrahim eine Ausbildung machte und
unterstützte ihn mit ganzer Kraft.
Seine Hilfsbereitschaft und Aufopferungsbereitschaft waren
beispielhaft. Selbst wenn er in den Schulferien in sein Dorf
zurückkehrte, handelte er verantwortungsbewußt, und half bei allen
anfallenden Arbeiten seiner Familie oder der anderen Dorfbewohner.
Allen gefiel diese Haltung Ibrahims. Schon als Kind hatte er den
Wert der Armen erkannt, und sagte "sie muß man achten".
Während seine Schulkollegen sich überheblich "als Lehrer fühlten",
und sich nicht um anfallende Arbeiten im Dorf kümmerten, ist er mit
seiner Bereitschaft mitzuarbeiten bekannt, geliebt und geachtet
worden. Arroganz war etwas, was er verabscheute.
Sein politisches Interesse erwachte in der Lehrerschule. Er
schickte seinen Verwandten im Dorf verschiedene politische
Zeitschriften. Bei einem reaktionären Lehrer schrieb er einen
Aufsatz mit dem Titel "Ich liebe grün nicht", der sich gegen den
Fundamentalismus wandte. Daraufhin wurde er von dem Lehrer
beschimpft "Du liebst wohl rot" und geschlagen.
Ibrahim Kaypakkaya hat die Hasanoğlan Schule mit "Sehr gut"
bestanden und bestand die Aufnahmeprüfung der "Höheren
Lehrer-Schule" in Istanbul/Çapa.
Trotz seiner umfassenden politischen Arbeit waren Ibrahims Noten
sehr gut. Er half auch seinen Freunden bei den Schularbeiten. In
Mathematik war er hervorragend. Da Ibrahim anstelle vom
Auswendiglernen die Probleme zu begreifen versuchte, sich das Ziel
setzte das Schwierige zu erreichen, und nicht leicht aufgab, weil er
eine Persönlichkeit mit einer einheitlichen Denksystematik sich
erarbeitete, war es für ihn nicht unmöglich das Schwierige zu
erreichen.
Er war einer, der umfassend dachte und prinzipienfest handelte.
Deswegen nahm das Vertrauen in ihn immer mehr zu. Deswegen besaß er
auch eine so große Überzeugungskraft, Fähigkeit zu erzählen und zu
beeinflussen.
Die von ihm beeinflußten Schulfreunde versuchte er zu überzeugen,
sich an einer Organisierung zu beteiligen, und mit einigen wenigen
Freunden erarbeitet er einen Organisierungsplan, um mit der Arbeit
zu beginnen. Der "Çapa Höhere Lehrerschule-Ideen-Club" wurde
gegründet und Ibrahim zum Vorsitzenden gewählt.
Einige seiner Freunde, die mit in den Vorstand gewählt worden
waren, waren später die Genossen von Ibrahim, die sich außerhalb der
Schule organisierten um die Grundlagen für eine konspirative
Organisation zu schaffen.
Ibrahim wurde sowohl wegen Flugblätter die er in der Schule
verfaßte und verteilte, als auch wegen Aktionen an denen er sich
beteiligte und Artikeln von ihm, die in Zeitschriften erschienen
verfolgt und erhielt Strafen.
Der Disziplinarausschuß der Schule entzog ihm das Recht der
"kostenlosen Internatsschule", daraufhin kam es zu
Auseinandersetzungen mit Faschisten, die jedoch abgewehrt werden
konnten. Die Schulleitung ließ mit Hilfe der Polizei Ibrahim und
seine Freunde von der Schule werfen.
Zu dieser Zeit hat Ibrahim sowohl gearbeitet, als auch die Zeit
die ihm danach zur Verfügung stand für seine politische Entwicklung
genutzt.
In den Demonstrationen in Istanbul hat er in den vordersten Reihen
gekämpft, er hat Agitation- Propaganda-Organisationsarbeit unter den
Arbeitern und Bauern verstärkt, und politische Schriften immer mehr
vertieft.
Er kämpfte darum wieder in die Schule aufgenommen zu werden. Das
Oberverwaltungsgericht hat den Beschluß des Schulausschlusses
rückgängig gemacht. Dennoch ist der Schulvorstand dem Urteil in
Bezug auf Ibrahim Kaypakkaya nicht nachgekommen. Die neun
relegierten Schüler wurden aufgenommen. Ibrahim Kaypakkaya aber
nicht.
Ibrahim fand es sehr wichtig zu den Arbeitern und Arbeiterinnen
enge Beziehungen anzuknüpfen und sich mit ihren Fragen zu
beschäftigen. Er arbeitete Tag und Nacht um den Kampf zu entfalten
die Arbeiter in den einzelnen Fabriken auf Streiks und
Widerstandaktionen vorzubereiten. Bei dem großen Arbeiterwiderstand
vom 15. und 16. Juni 1970 kämpfte Ibrahim Schulter an Schulter mit
den Arbeitern. Die Arbeiter kannten Ibrahim aus der Nähe und sahen
ihn als einen der ihren an. Er hat sich an dem großen
Arbeiterwiderstand direkt beteiligt und zog aus ihm politische
Lehren.
Die Auswertung der politischen Ergebnisse des großen
Arbeiterwiderstandes vom 15.und 16. Juni war für Ibrahim Kaypakkaya
ein wichtiger Wendepunkt seines politischen Kampfes. Während der
Diskussion um die Auswertung sah er die reformistische-legalistische
Linie der PDA (proletarisch revolutionäre Helligkeit) in der er
damals kämpfte.
In dem Kampf gegen den PDA Revisionismus kristallisierten sich die
GenossInnen heraus, die mit dem Revisionismus die Beziehungen
abbrachen und bereit waren mit Ibrahim in den gleichen Reihen zu
kämpfen. Die umfassenden Bemühungen von Ibrahim versuchten die PDA
Revisionisten dadurch zu verhindern, daß sie zuerst den
ideologischen Kampf verunmöglichten, dann Verleumdungskampagnen
gegen Ibrahim begannen, und zuletzt Komplotte gegen ihn schmiedeten.
Ibrahim hat bezüglich der marxistisch-leninistischen Methode
vertreten, daß die Genossen aufgrund einer Analyse der ideologischen
Widersprüche ihre Position festlegen sollten, und hat sich auch
selbst so verhalten. Er war kein Vertreter des ideologischen Kampfes
hinter verschlossenen Türen. Er hat die opportunistische Methode
"wirf mit Schmutz, es wird schon was hängenbleiben" abgelehnt. Er
betonte, daß um die reformistischen-revisionistischen Thesen zu
kennen es notwendig ist, daß jeder marxistisch-leninistische Kader
die Dokumente wissenschaftlich analysiert.
Ibrahim hat seit Beginn 1971 in der Umgebung von Çorum, Malatya,
Tunceli und Antep unermüdlich von Dorf zu Dorf ziehend am Kampf für
die Organisierung der Bauern teilgenommen, und erarbeitete eine
"Klassenanalyse".
Um in den Dörfern besser Propaganda machen zu können, und
herzliche Beziehungen zur Dorfbevölkerung herzustellen begann er
kurdisch zu lernen. Er erläuterte seinen Genossen, daß es notwendig
ist sich in den Dörfern bewußt auf die halb-proletarischen und armen
Bauern zu stützen, und sie zu gewinnen. Die Gründe dafür legte er
wissenschaftlich dar.
Zu dieser Zeit riefen die herrschenden Klassen den Ausnahmezustand
aus. Es wurden Vorbereitungen getroffen für die Machtübernahme durch
die faschistische 12. März - Junta.
Am 30. März 1972 wurden in Kızıldere Mahir und seine Genossen bei
einer Schießerei ermordet.
Am 6. 5.72 wurden Deniz und seine Freunde hingerichtet. Sinan
Çengil und zwei seiner Freunde wurden in einer Auseinandersetzung
ermordet. Der Dorfvorsteher Mustafa Mordemir, wurde von Ibrahim als
Verräter entlarvt. Nach dem Verhör wurde er für schuldig befunden
und durch Schüsse hingerichtet.
Von hieraus ging Ibrahim nach Dersim. Nachdem die organisierenden
Arbeiten einen gewissen Stand erreicht hatten ging er weiter nach
Istanbul und von dort aus nach Malatya. Von hier kehrte er wieder
nach Dersim zurück, und stand von nun an hier an der Spitze der
organisatorischen Arbeit.
Die Organisierungstätigkeit von Ibrahim und seiner Freunde in den
Dörfern um Dersim brachte die faschistischen Staatskräfte unter der
Leitung von Fehmi Atınbilek zum Rasen. Über dem Volk tobte der
faschistische Terror, um die gute Verbindung zwischen Ibrahim und
den Bauern zu zerstören, und sie davon abzuhalten weiterhin Ibrahim
und seine Genossen zu unterstützen und zu schützen. Daraufhin begab
sich Ali Haydar am 20. Januar 1973 nach Dersim und bombardierte dort
die Militärstation und Militärunterkünfte.
Zu dieser Zeit wurde Ibhrahim als revolutionärer Führer ernsthaft
gesucht. Die Zeitungen verbreiteten die Nachricht, daß er zusammen
mit einer Gruppe von 60 Freunden die TKP/ML gegründet habe.
Kurze Zeit später wurde in den Zeitungen und im Radio darüber
informiert, daß Ibrahim und Ali Haydar Yıldız bei einer Schießerei
verwundet festgenommen worden seien. Am 24. Januar 1973 wurde das
Lager in dem sie sich aufhielten nach einer Denunziation durch die
faschistischen Kräfte von Fehmi Altınbilek überfallen.
Ali Haydar Yıldız, und Genossen, die das Lager verlassen hatten um
Proviant zu besorgen sahen die Umzingelung und versuchten ihre
Genossen zu warnen. Bei der folgenden Schießerei wurde Ali Haydar
ermordet, und Ibrahim schwer verwundet. Während es den anderen
Genossen gelang zu fliehen, blieb Ibrahim angeschossen liegen. Die
Staatskräfte glaubten daß er tot sei und nahmen die Verfolgung der
Flüchtenden auf.
Der Verräter und Denunziant Hüseyin Güngör denunzierte nicht nur
Ibrahim, sondern schoß weiter auf den schwerverletzt am Boden
liegenden. Trotz des großen Blutverlustes gelang es Ibrahim wieder
zu sich zu kommen aufzustehen, und nachdem er sich überzeugt hatte,
daß Ali Haydar gestorben war, sich taumelnd von diesem Ort zu
entfernen.
Ibrahim blieb drei Tage lang verletzt in eisiger Kälte draußen. Er
hatte viel Blut verloren. Um wieder zu genesen und erneut am Kampf
teilzunehmen brauchte er Hilfe. In dem zweiten Dorf, das er
aufsuchte nahm ihn ein reaktionärer Lehrer unter dem Vorwand "ich
bin auch revolutionär" in sein Haus auf, schloß hinter ihm die Türe
ab und benachrichtigte die faschistischen Kräfte. Daraufhin wurde
das Haus in dem sich Ibrahim Kaypakkaya aufhielt von den
faschistischen Kräften von Fehmi Altınbilek belagert und Ibrahim
wurde verhaftet. Fehmi Altınbilek, der ihn erstaunt fragte "wie war
es dir möglich in diesem Zustand zu fliehen" antwortete er " So wie
es notwendig ist vor solchen wie dir zu fliehen".
Der gefangene Ibrahim mußte barfuß vom Mirikmezar bis zur
Gendarmerie in Kutudresi laufen. Im Schnee, Eis und im vereisten
Wasser des Flusses beginnen die Folterungen an Ibrahim.
Es erfrieren ihm seine Zehen, und neun davon werden ihm in
Diyarbakır amputiert.
In einem Brief an seinen Vater schreibt Ibrahim angesichts der
grausamsten Folter an ihm: "Ich hatte den Tot sowieso mit
eingerechnet". Somit zeigt er, was kommunistischer Widerstand ist.
Die Folterknechte unter der Leitung des faschistischen
Staatsanwaltes Yaşar Değerli die sahen, daß sie ihn nicht mit der
Folter zu einer Aussage bringen können, ermordeten Ibrahim unter der
Folter und behaupteten, daß er "Selbstmord" gemacht habe. Ibrahim,
der unter keiner Folter zu einer Aussage bereit war, der sich dem
Feind nicht ergeben hat konnte und hat keinen Selbstmord verübt! Er
wurde von den faschistischen Henkern ermordet!
Ibrahim Kaypakkaya und die von ihm gegründete Partei und ihre
Linie stellten für die herrschenden Klassen die größte Gefahr dar.
Er hat gegenüber allen Bemühungen der herrschenden Klassen
Informationen aus ihm herauszufoltern ihnen die Stirn geboten. "Wir
Kommunisten geben euch über unsere organisatorische Arbeit und
unsere Genossen keinerlei Information ... ich finde es nicht
notwendig euch was zu sagen."
Diejenigen, die ihn ermordeten fürchteten sich sogar vor seiner
Leiche. Eine Autopsie wurde nicht gemacht. Sein Grab wurde
wochenlang bewaffnet bewacht.
*
Ibrahim wurde am 18. Mai von den faschistischen Henkern ermordet,
aber seine sozialistischen/kommunistischen Ideen entwickelten sich
weiter und schlugen Wurzeln.
Es gibt Organisationen, die unter den heutigen Bedingungen der
entwickelten kurdischen Bewegung so tun als hätte es die Position
von Ibrahim Kaypakkaya und der TKP/ML in der nationalen Frage nie
gegeben. Sie entdecken Amerika neu. Diese sind selbst heute noch
weitentfernt von der wissenschaftlichen Analyse Ibrahim Kaypakkayas
zur nationalen Frage.
Es gibt auch solche, die an den Fehlern in Ibrahims Werk
festhalten, und anstelle einer Weiterentwicklung dieses Werkes
Ibrahim zum Götzen erheben.
Die Bolschewiki gehen an diese Frage nicht so heran.
Sie lassen das marxistisch-leninistische Werk, das Ibrahim uns
überließ in ihrem Kampf leben, befreien es von Fehlern, bereichern
und entwickeln es weiter!
Die, die an Ibrahim Leichenfledderei betreiben, die sich hinter
dem Namen Ibrahims verstecken um ihren Unsinn zu verzapfen brauchen
wir nicht!
Ibrahim braucht keinen, der ihn anbetet!
Gebraucht werden auch nicht solche, die einige taktische Ansichten
und Fehler Ibrahims zur konkreten Lage in Nordkurdistan/Türkei im
Namen der Verteidigung Ibrahims in den Mittelpunkt rücken, diese
immer wieder wiederholen, und im Namen der Verteidigung Ibrahims vor
den Tatsachen in Nordkurdistan/Türkei die Augen verschließen und
insofern nicht wissenschaftlich herangehen!
Er war ein kommunistischer Führer, denn eine seiner
ausschlaggebendsten Eigenschaften bestand darin die Fragen ausgehend
von der Wissenschaft des Marxismus-Leninismus zu lösen!
Er war ein Führer, aber keiner der seine eigene Person in den
Vordergrund gestellt hat, keiner der den Individualismus hochlobte
und blinden Gehorsam forderte, sondern ein Führer der die kollektive
Arbeit und die ideologische Einheit in den Mittelpunkt stellte.
Die Theorie und Praxis Ibrahims versetzt denen, die gestern und
heute im Namen von Agitation Unsinn verzapfen, die anstelle von
wissenschaftlichem Herangehen, sich hinter seinem Namen verkriechen,
einen Schlag ins Gesicht.
Die, die das Wesen seines Werkes nicht verstehen, haben kein Recht
ihn zu verteidigen.
*
30 Jahre sind seit der 68er Generation vergangen...
25 Jahre seit der Ermordung von Ibrahim...
Genosse Ibrahim, der in Nordkurdistan/Türkei einen neuen
Wendepunkt repräsentierte und erneut einen kommunistischen
Aufschwung begann, hat in den Herzen der Arbeiter und Arbeiterinnen,
der Werktätigen und armen Bauern seinen Platz! Keiner wird ihn dort
ausreißen können. Er ist im Kampf des Proletariats unsterblich
geworden!
Sein Tod ist für uns zweifellos ein großer Verlust! Aber sein
kommunistisches Erbe, das er uns hinterließ ist ein großer Gewinn,
und dieses Erbe lebt im bolschewistischen Kampf weiter!
* Vorwärts verteidigen wir Ibrahim auf bolschewistische Weise!
* Vorwärts schließen wir die bolschewistischen Reihen enger!
("Yeni Dünya İçin ÇAĞRI", Nr. 13, Juni 98)
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